Unterwegs auf der Via Alta della Verzasca

Eine Königin unter Königen

Hoch über dem Valle Verzasca und der Leventina verläuft eine Wanderung, die an Kühnheit und Wildheit in der Schweiz ihresgleichen sucht: die Via Alta della Verzasca. Vorbei an trostlosen Hungeralpen, durch schroffe Gräben und schwer zugängliche Seitentäler verbindet die Tour fünf Hütten miteinander mit Ausblicken auf zahlreiche Gipfeln des Tessins und Einblicken in eine fast vergessene Kultur. Die blau-weiss markierte Route ist allerdings nur etwas für erfahrene Entdeckerinnen und Berggänger.

«Aha, das ist doch diese Wanderung in der Leventina», ist die häufige Reaktion auf unsere Sommerferienerzählungen.

Doch die Via Alta della Verzasca ist nicht mit der Strada Alta zu verwechseln, jenem bekannten Wanderweg, der die hoch gelegenen Dörfer der Leventina miteinander verbindet: Sie verläuft auf der Wasserscheide zwischen dem Valle Verzasca und der Leventina, durchquert eine der wildesten und unberührtesten Gegenden der Schweiz und führt an einigen der schönsten Gipfel des Tessins vorbei. Diese verheissungsvolle Route ist blau-weiss markiert und somit kein Spaziergang für jedermann.

Steiler Auftakt

Die Via Alta beginnt mit einem Aufstieg zur Capanna Borgna, dem eigentlichen Ausgangspunkt der Höhenwanderung.

Bereits dieser Auftakt wartet mit spektakulären Aussichten auf. Man erreicht die Hütte nämlich entweder über den Pizzo di Vogorno oder die Cima dell’Uomo, von wo man eine fantastische Rundsicht hat, unter anderem auf die Piazza Grande in Locarno. Beide Gipfel sind zwar nur um die 2400 m hoch, aber welch ein Höhenunterschied! Vom Dorf Vogorno zum Pizza di Vogorno sind 1966 steile Höhenmeter zu überwinden!

Wer die Via Alta einmal erreicht hat, überwindet keine derartigen Steigungen mehr, die Ausblicke hingegen bleiben atemberaubend. Auf der ersten Etappe von der Capanna Borgna zur Alpe Fümegna ist es der Blick von den Metalltritten hinter dem Poncione di Piotta aus — zwischen den Beinen hindurch — in das Hunderte von Metern tiefer gelegene Val Carecchio. Am folgenden Tag geraten wir ins Träumen auf den herrlich aussichtsreichen Graten der Cima di Rierna, tausend Meter über dem Val d’Ambra, oder auf dem Gipfel der Cima di Gagnone, die uns mit der Sicht auf die wilden und schroffen Gipfel des nördlichen Verzascatales beglückt, während gegen Süden der Lago Maggiore seinem Namen alle Ehre macht. Staunend blicken wir am dritten Tag — mit dem Ziel Capanna Cognora — vom Cramosino (2717 m) auf die Ebene (358 m) bei Bodio in der Riviera hinunter. Wir schlucken leer, als wir nach dem Gipfel des Madom Gröss zwei Türmchen überklettern müssen: Die Halden fallen steil in das Val Cramosino ab. Wir werden nachdenklich, als wir vom Pizzo di Mezzodi durch die Valle d’Usedi in die Biaschina mit ihrem Autobahnviadukt und den Bauten der SBB hinunterblicken: hier oben unberührte Bergwelt, dort unten die wichtigen Alpentransversalen!

Wanderung in die Tessiner Vergangenheit

Die Via Alta belohnt ihre Besucher/innen aber nicht nur mit herrlichen Fernblicken, sondern auch mit Einsichten in die Wildheit dieser Gegend: Unglaublich die Schroffheit des Val Carecchio. Waldig und geheimnisvoll das Valle di Drosina.

Vergessen und schwer zugänglich das Val d'Iragna, stellvertretend für andere Seitentäler. Verfallene Alphütten verraten, dass die Bauern einst die Ziegen herauftrieben und das wenige Heu holten, um nicht verhungern zu müssen. Die Via Alta zeigt mehrere jener Hungeralpen. Nur äusserste Not kann unsere Vorfahren beispielsweise nach dem trostlosen Trecc in das Val Vegornèss getrieben haben.

Auch die Alpe Cognora ist eine dieser «Alpe di fame», heute mit einer liebevoll renovierten Hütte als Unterkunft für Wanderer, wo wir Panoramablick und Merlot geniessen. Welch mühselige Arbeit bedeutete es, all die Zugangswege in Stand zu halten! Ständig drohten Erdrutsche, Lawinen und Verwaldung. So sind die meisten dieser Wege verschwunden und werden kaum mehr begangen. Sie aufzuspüren, bleibt Liebhabern mit entsprechender Erfahrung vorbehalten. Eine Ahnung davon erhält, wer sich gegen Ende der ersten Etappe hinter Cornavosa durch Grasbüschel und Schwarzerlen dem ehemaligen Weg entlang nach Fümegna durchkämpft.

Herausforderung auch für Alplinisten

Der Wildheit des Geländes entspricht der Schwierigkeit der Via Alta. Zumeist begeht man steile, felsdurchsetzte Grashalden. Sie fordern unsere ganze Konzentration, wenn wir sie queren. Dieses für die Via Alta typische Gelände treffen wir besonders auf der Schlussetappe von der Cognorahütte zur Baronehütte an. Sind Felsen dazwischen, wird die Suche von Tritten zum Genuss: so bei der ersten Etappe auf dem ausgesetzten Felsgrat vom Poncione di Piotta an der Cima della Cengia delle Pecore vorbei bis zur Cima del Picoll.

Hier wurden die schwierigen Stellen mit Eisentritten etwas entschärft. Die zweite Etappe darf ohne weiteres als «genussreiche Höhenwanderung» bezeichnet werden, auch wenn man hier ab und zu die Hände gebrauchen muss. Die Konzentration, die wir benötigen, um eine der vielen steilen Grashalden zu queren oder um ein Türmchen in leichter Kletterei zu erklimmen, bildet das Schaumkrönchen dieser Gratwanderung mit viel Sonne und Aussicht. Einen schroffen Gegensatz bildet die Strecke von Efra nach Cognora. Dieses Gebiet mit der Runse hinter dem Gipfel des Cramosino, dem steinschlägigen Couloir nach dem Madom Gröss und zwei zu überkletternden Türmchen ist nicht für jedermann geeignet und verlangt einige alpine Erfahrung.

Wer Lust und genügend Kondition hat, kann diverse Gipfel «mitnehmen», unter vielen sei der majestätische, silbern glitzernde Zahn des Poncione Rosso (2505 m) genannt. Oder man lässt die Via Alta nicht in der Capanna Barone enden, sondern auf dem Pizzo Barone (2864 m), einem grossen Monolithen inmitten eines Steinfeldes. Die Aussicht ist «fürstlich». Uns hat der Baron des Barone seine Ehre erwiesen: Ein mächtiger Steinbock blieb längere Zeit ganz nahe bei uns stehen. Ein königlicher Abschluss dieses königlichen Höhenweges! Erfüllt steigen wir zurück zur Hütte und dann ins Tal nach Sonogno. Danke, lieber Petrus — denn das Gewitter bricht erst jetzt los und macht das wildromantische Val Vegornèss noch wilder, den Wasserfall unterhalb von Sprügh mit seinen künstlerisch aus dem Fels geschliffenen Formen noch mächtiger.

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Praktische Angaben und generelle Hinweise

Während der Tessiner Sommerferien (Juli und August) ist die Reservation der Schlafplätze empfehlenswert. Alle Hütten der Società Escursionistica Verzaschese SEV sind von Anfang Juni bis Ende Oktober geöffnet. Während der übrigen Zeit erkundige man sich bei den Hüttenwarten (Italienischkenntnisse nötig!). Verantwortlich für die Hütten und die Via Alta ist Luciano Tenconi, 6632 Vogorno, 091/745 28 87.
Die beste Jahreszeit ist von Ende Juni bis Ende September.

Schwierigkeit

Die Via Alta lässt sich am besten mit den im SAC-Clubführer beschriebenen Schwierigkeitsgraden BG taxieren. Die Kletterstellen weisen L oder WS auf (bis II. Grad), auch mit Metalltritten! Besonders die erste und dritte Etappe verlangen Erfahrung und Schwindelfreiheit.

Ausrüstung

Gute Bergschuhe und Kleidung; evtl. 20-m-Seil mit 2 bis 3 Karabinern. Halteschlaufe oder Gstältli; genügend Wasser und Verpflegung. Bei den Hütten (Ausnahme Fümegna) handelt es sich um Selbstversorgerhütten, die nur an gewissen Wochenenden bewartet sind.